Warum fällt es vielen Menschen so schwer, Schokolade zu widerstehen? Ernährungspsychologin Andrea Thutewohl erklärt, welche Rolle das Belohnungssystem im Gehirn, Emotionen und frühkindliche Erfahrungen beim Konsum spielen – und weshalb saisonale Produkte wie der Schokoladenhase besonders attraktiv wirken.
Andrea Thutewohl, Warum übt Schokolade auf viele Menschen eine starke Anziehungskraft aus?
Schokolade wirkt für viele Menschen wie eine kleine, legale «Glücksdosis». Sie aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn, liefert schnell verfügbare Energie und ist emotional positiv besetzt. Bestimmte Inhaltsstoffe tragen zu diesem Effekt bei: Tryptophan kann im Körper zu Serotonin umgewandelt werden und wird daher mit stimmungsaufhellenden Wirkungen verbunden – auch wenn dieser Zusammenhang im Alltag oft stärker wahrgenommen wird als wissenschaftlich gesichert ist. Zudem enthält Schokolade geringe Mengen Phenylethylamin, das mit Verliebtheitsgefühlen assoziiert wird, sowie Theobromin, das leicht anregend wirkt.
Hinzu kommt das intensive sensorische Erlebnis: Duft, zarter Schmelz, Süsse und das Knacken beim Brechen sprechen mehrere Sinne gleichzeitig an und verstärken den Genuss. Auch evolutionär ist ihre Attraktivität erklärbar, denn die Kombination aus Zucker als schnelle Energiequelle und Fett mit hohem Energiewert war für das Überleben besonders wertvoll. Unser Gehirn reagiert deshalb bis heute positiv auf diese Mischung.

Andrea Thutewohl ist dipl. Oecotrophologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berner Fachhochschule BFH und selbständige Ernährungsberaterin (Praxis Seelennahrung).
Ihre Fachschwerpunkte sind Ernährungspsychologie und Essstörungen.
Wie beeinflussen Emotionen, das Belohnungssystem und Gewohnheiten unseren Schokoladenkonsum?
Emotionen, neurobiologische Prozesse und Gewohnheiten greifen beim Schokoladenkonsum eng ineinander. Die Kombination aus Zucker und Fett aktiviert das Belohnungssystem und führt zur Ausschüttung von Dopamin, wodurch der Konsum als angenehm erlebt wird. Dieses Wohlgefühl erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir erneut zu Schokolade greifen. Mit jeder Wiederholung festigt sich die Verbindung zwischen bestimmten Situationen und dem Genuss. Schon der Anblick oder Geruch kann später eine Erwartungsreaktion auslösen.
Das angenehme Gefühl nach dem Essen wirkt wie eine Belohnung. Wird in bestimmten Situationen – etwa bei Stress oder als Abschluss eines langen Tages – immer wieder zu Schokolade gegriffen, entsteht mit der Zeit eine Gewohnheit. Dieses Verhalten läuft dann zunehmend automatisch ab und erfordert keine bewusste Entscheidung mehr.
Weshalb wirken saisonale Produkte oft attraktiver als ganzjährig verfügbare Süsswaren?
Saisonale Produkte wie der Schokoladenhase wirken oft besonders attraktiv, weil sie nur für kurze Zeit erhältlich sind. Diese Begrenzung erzeugt ein Gefühl von Knappheit und steigert den wahrgenommenen Wert. Gleichzeitig sind sie emotional stark aufgeladen: Sie stehen für Frühling, Rituale und Festtage. Die Vorfreude auf das Ereignis aktiviert das Belohnungssystem zusätzlich, sodass nicht nur der Geschmack, sondern auch die Erwartung selbst als Genuss erlebt wird. Das Produkt wird dadurch als etwas Besonderes wahrgenommen und hebt sich deutlich vom Alltäglichen ab.
Welche Rolle spielen frühkindliche Erfahrungen und Ostertraditionen für unser späteres Konsumverhalten?
Frühkindliche Erfahrungen und familiäre Traditionen prägen unser späteres Konsumverhalten nachhaltig. Wenn Schokolade in der Kindheit mit positiven Erlebnissen wie Festtagen, Überraschungen oder gemeinsamen Ritualen verbunden war, werden diese Erinnerungen beim späteren Konsum erneut aktiviert. Schokolade vermittelt dann nicht nur geschmacklichen Genuss, sondern auch ein Gefühl von Geborgenheit.
Im Sinne eines «comfort food» wird Schokolade zur Emotionsregulation eingesetzt – als Trost bei Traurigkeit, als kurzfristige Entspannung bei Stress oder als Belohnung bei Frust. Solche wiederkehrenden Verknüpfungen verstärken die positive Wirkung und können dazu führen, dass Essen zunehmend von Gefühlen statt von Hunger gesteuert wird.
Interview: Elina Laich
Foto: Barbara Hermbecker