Vor rund vier Jahren übernahm Patrick Lobsiger das Ruder bei der Pistor Holding Genossenschaft, seit Anfang 2026 ist Silvan Odermatt als Finanzchef mit an Bord. Im Interview ziehen die beiden eine positive Bilanz des vergangenen Geschäftsjahres und betonen die Stärke des genossenschaftlichen Fundaments. Ein Gespräch über Stabilität in unruhigen Zeiten, Investitionen in die Digitalisierung, den perfekten Service und was Torten und Makronen mit Pistor zu tun haben …
Herr Lobsiger, wie fest haben die vier geopolitisch turbulenten Jahre Sie verändert?
Patrick Lobsiger (PL): Sie haben meinen Blick geschärft – vor allem dafür, wie wichtig enge Partnerschaften, Anpassungsfähigkeit und verlässliche Lieferketten sind. Alles Dinge, die Pistor beherrscht. Es macht sich bezahlt, dass 92 % unserer Lieferanten in der Schweiz ansässig sind. Dadurch hatten die geopolitischen Ereignisse bislang praktisch keine Auswirkungen auf unsere Produktpalette. Ausserdem ist es uns in turbulenten Zeiten wichtig, strategische Klarheit und finanzielle Stabilität sicherzustellen.
A propos Strategie: Welche Anpassungen mussten Sie hier vornehmen?
PL: Wir verfolgen eine langfristig orientierte Unternehmensstrategie. Sie legt den Fokus darauf, profitabel zu wachsen und unsere finanzielle Stabilität zu sichern – ganz im Interesse unserer Genossenschafter. Wir sehen keinen Grund, daran etwas zu ändern. Was wir aber natürlich im operativen Geschäft tun: Wir beobachten mögliche Lieferengpässe und halten Massnahmen bereit. Stand heute funktioniert unser Geschäft reibungslos.
Haben Sie in den vier Jahren je einmal bereut, diesen Posten angenommen zu haben?
PL: Nein, im Gegenteil. Pistor konnte sich in den letzten vier Jahren erfolgreich weiterentwickeln und hat noch viel Potenzial für die Zukunft. Natürlich gibt es auch mal anspruchsvolle Phasen, aber Pistor hat engagierte Mitarbeitende, auf die ich mich stützen kann. Sie geben täglich ihr Bestes, um unseren Kernauftrag zu erfüllen: Unseren Kundinnen und Kunden die verlässlichste und beste Partnerin zu sein. Wenn wir das tagtäglich schaffen, gehe ich zufrieden zu Bett.

«Als dienstleistungsorientiertes Unternehmen ist es unsere Aufgabe, in den Kundennutzen zu investieren.»
Patrick Lobsiger, CEO Pistor Holding
Wie viel Krisenmanagement steckt heute im Alltag eines Pistor-CEOs im Vergleich zu früher?
PL: Externe Faktoren wie geopolitische Konflikte oder Zölle beschäftigen Unternehmen heute stärker als früher. Auf meinen Alltag als CEO haben sie aber nur limitierten Einfluss. Allerdings gehört es zu meiner Führungsaufgabe, Pistor frühzeitig auf Risiken vorzubereiten und das Unternehmen widerstandsfähig aufzustellen. Dazu gehören Themen wie stabile Lieferketten, Arbeitssicherheit oder Cyber-Security. Insgesamt sehe ich Pistor organisatorisch und finanziell sehr solid aufgestellt.
Herr Odermatt, weshalb haben Sie sich als Finanzchef bei Pistor beworben?
Silvan Odermatt (SO): Pistor ist ein vielfältiges Unternehmen mit einer starken Firmenkultur und einer reichen, über 110-jährigen Geschichte. Das Unternehmen hat es immer wieder geschafft, sich neu zu erfinden und weiterzuentwickeln. Das sind gute Voraussetzungen, um auch künftig eine führende Rolle in unseren Märkten zu spielen und weiter zu wachsen. Langfristigkeit, Verlässlichkeit und Kontinuität stehen bei Pistor im Fokus. Alles Werte, die gut zu mir passen. Zudem habe ich einen persönlichen Bezug zu allen drei Pistor-Geschäftssegmenten: Mein Bruder ist gelernter Konditor-Confiseur, mein Vater war Küchenchef und meine Frau arbeitet als Ärztin im Gesundheitswesen. (lacht)
Sie sind seit knapp einem halben Jahr im Amt. Hat sich Ihr Pistor-Bild verändert
SO: Nein, ich wurde vielmehr in meinem ersten Eindruck bestärkt. Pistor hat viele kompetente und engagierte Mitarbeitende, was mich positiv stimmt. Ausserdem sind wir ein sehr solides, zuverlässiges und erfolgreiches Unternehmen. Damit das so bleibt, dürfen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern müssen in die Zukunft investieren. Das technologische Umfeld und die Wettbewerbssituation verändern sich rasch. Das heisst für Pistor: Weiter in ihr Geschäftsmodell investieren und kontinuierlich neue Dinge ausprobieren.
Die Frage nach unserer Branche haben wir Patrick Lobsiger bereits ein paar Mal gestellt. Wie sehen Sie die Bäckerei-Confiserie?
SO: Wir bei Pistor haben das Privileg, für eine der schönsten und mit sehr vielen positiven Emotionen behaftete Branche zu dienen: der Bäckerei-Confiserie. Für sie gilt das Gleiche wie für uns: Man muss sich ständig neu erfinden, weiterentwickeln und sich dem Wettbewerb stellen. Tut man das nicht, wird man von der Konkurrenz überholt. Natürlich gibt es viele Herausforderungen, gleichzeitig aber auch Chancen. Wir sehen viele innovative Betriebe, welche gute Ergebnisse erzielen oder sogar wachsen. Pistor steht Betrieben auf verschiedenen Wegen zur Seite, beispielsweise über Rückvergütungen, Proback-Beratungen, den Förderfonds oder Finanzierungen.

«Man muss sich ständig neu erfinden, weiterentwickeln und sich dem Wettbewerb stellen.»
Silvan Odermatt, CFO Pistor Holding
Früher rechnete man mit stabilen Kalkulationen für Jahre. Wie plant man als Finanzchef die Zukunft eines Grosshändlers, wenn die einzige Konstante zurzeit die Unberechenbarkeit ist?
SO: Wie Patrick Lobsiger schon erwähnt hat, verfügt Pistor über verlässliche Partner und Lieferketten. Daher werden wird von globalen Ereignissen etwas weniger getroffen als andere Unternehmen. Natürlich spüren aber auch wir Kostensteigerungen, beispielsweise beim Treibstoff und bei gewissen Rohstoffen. Es ist die Aufgabe von meinem Team und mir, diese Faktoren in unsere Rechnung und Überlegungen miteinzubeziehen.
Trotz der aktuellen Weltlage investiert Pistor erheblich in die Infrastruktur. Ist das in diesen Zeiten der grossen Unsicherheit purer Mut oder eine kalkulierte Flucht nach vorne?
PL: Als dienstleistungsorientiertes Unternehmen ist es unsere Aufgabe, in den Kundennutzen zu investieren. Hierzu gehört insbesondere unsere hochautomatisierte, moderne Infrastruktur. Sie verschafft uns entscheidende Vorteile in der Zusammenarbeit mit unserer Kundschaft, denn dank ihr sind wir effizienter, zuverlässiger und schneller. Damit das so bleibt, müssen wir uns weiterentwickeln und unsere Erträge gezielt reinvestieren. Im letzten Jahr haben wir beispielsweise unsere neue Verteilzentrale in Sennwald eröffnet, unser Kleinteilelager am Hauptsitz modernisiert, unsere Dächer grossflächig mit Solarpanels bestückt und sieben neue Elektrolastwagen in die Flotte aufgenommen.
SO: Ich möchte anfügen, dass wir nicht nur in unsere physische Infrastruktur investieren, sondern in unsere digitale. Pistor muss in beiden Welten Höchstleistungen erbringen. Es ist wichtig, dass wir uns gerade in volatilen Zeiten weiterentwickeln und unser Geschäft langfristig absichern.
Ab wann müssen sich diese Investitionen konkret auszahlen?
SO: Grundsätzlich investieren wir nur dann, wenn die erzielbare Rendite über unseren Kapitalkosten liegt. Solche Planungen hängen aber immer von sehr vielen Annahmen ab, insbesondere zum Markt. Es gehört zu einer guten Unternehmensführung, punktuell kalkulierbare Risiken einzugehen.
Im Mai 2023 wurde Mercanto lanciert. Wie steht dieses Tochterunternehmen im Vergleich zur Konkurrenz?
PL: Mercanto ist gemessen am Gesamtumsatz heute bereits der grösste B2B-Marktplatz für Food- und Non-Food Produkte in der Schweiz. Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung: Inzwischen sind bereits über 100’000 Artikel verfügbar. Unter den Anbietern sind einige Bäckereien und Confiserien, die Mercanto als Webshop für ihr Belieferungsgeschäft an Geschäftskunden erfolgreich einsetzen.
Pistor investiert stark in die Digitalisierung und E-Mobilität. Inwiefern fungieren diese heute als Schutzschild gegen aktuelle Preisschwankungen bei fossilen Brennstoffen?
SO: Hierzu gibt es mehrere Perspektiven. Einerseits investieren wir in Digitalisierung und Automatisierung, um noch bessere Dienstleistungen für unsere Kunden erbringen zu können. Anderseits hilft uns das, wettbewerbsfähig zu bleiben. Bei der Nachhaltigkeit ist es ähnlich: Nachhaltiges Wirtschaften ist eine unserer Schlüsselprioritäten, nicht zuletzt, da viele Teile unserer Wertschöpfungskette auf eine intakte Umwelt angewiesen sind. Ausserdem zahlen sich solche Investitionen in der Regel auch finanziell aus, etwa Elektrolastwagen oder eine nachhaltige Energieproduktion.

Letztes Jahr ist Pistor mit der SAP-Einführung gestartet. Wie weit sind Sie mit diesen Arbeiten?
PL: Wir haben bereits vor mehreren Jahren begonnen, unsere IT-Betriebssysteme zu modernisieren. Ein stabiles und modernes IT-Fundament ist heutzutage für jedes Unternehmen eine zentrale Voraussetzung. Darum haben wir eine Ablösung von Teilen unserer Betriebssysteme durch die Softwarelösung SAP geprüft. Wir sind inzwischen jedoch zum Entschluss gekommen, das Projekt zu redimensionieren und strategisch neu auszurichten. In gewissen Teilbereichen wird SAP* umgesetzt, in anderen prüfen wir alternative Lösungen. Wir stehen nicht unter Zeitdruck, unsere bestehenden Systeme sind für mehrere Jahre gesichert.
*Erklärung SAP
SAP ist eine grosse digitale Schaltzentrale, die dafür sorgt, dass alle Informationen in einem Unternehmen fliessen und keine Abteilung im Dunkeln tappt. Es ist das Rückgrat für die gesamte Logistik und Verwaltung.
Welchen Nutzen bringt dies Ihren Kundinnen und Kunden?
SO: Das Thema ERP (Enterprise Ressource Planning) beschäftigt viele Unternehmen, nicht nur Pistor. Es ist dazu da, Geschäftsprozesse eines Unternehmens zentral zu steuern und effizienter zu gestalten. Es ist also sozusagen unser «digitales Herz» und umfasst Bereiche wie Buchhaltung, Personalwesen oder Warenwirtschaft. Mehr Effizienz bedeutet für unsere Kundschaft noch bessere Qualität, noch mehr Schnelligkeit und die Sicherung vorteilhafter Preise.
Wo stösst die Unabhängigkeit eines Schweizer Grosshändlers an ihre Grenzen?
PL: Unabhängigkeit ist bei Pistor eine Grundhaltung. Damit wir als Unternehmen langfristig eigenständig bleiben können, müssen wir profitabel wachsen und den unternehmerischen Mut haben, in zukunftsträchtige, neue Geschäftsfelder zu investieren. Genau das tun wir – immer mit dem Ziel, Kundennutzen und Mehrwert für die Genossenschafter zu schaffen.
SO: Ausserdem ist finanzielle Stabilität von entscheidender Bedeutung, um unsere Unabhängigkeit zu wahren. Sie erlaubt es uns langfristig zu investieren, unsere Marktposition zu verteidigen und im besten Fall auszubauen.
Sie haben Anfang April die Zahlen 2025 präsentiert. Welche Note geben Sie der Pistor AG?
PL: Eine solide Fünf. Mit 857,8 Millionen Franken lag unser Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 3,7 % höher. Was mich besonders freut, ist, dass wir im Segment der Bäckereien-Confiserien um 1,3 % wachsen konnten, in der Gastronomie waren es 5,8 %. Somit haben wir unsere Ziele erreicht und konnten uns stabil entwickeln.
Wie sieht die mittelfristige Zukunft der Pistor AG aus?
PL: Wir halten an unserem Weg fest: Wir wollen profitabel wachsen, unsere finanzielle Stabilität sichern und in neue Geschäftsfelder investieren. Pistor hat viel Potenzial für die Zukunft. Wir wollen dieses nutzen und unseren Kunden die zuverlässigste Dienstleistung am Markt bieten. Damit werden wir auch in der Zukunft erfolgreich sein.
Zum Schluss zwei etwas andere Fragen. Wenn Pistor ein Gebäck wäre – welches wäre es und warum?
SO: Spontan würde ich sagen, Makronen. Sie gelingen, wenn alle Schritte aufeinander abgestimmt sind. Ein «Ungefähr» reicht nicht. Gerade in der Kundenbelieferung ist Zuverlässigkeit unser höchstes Ziel.
PL: Mir kommt eine Torte in den Sinn. Nur, wenn jede Schicht der Torte geschmacklich mit der anderen geschmacklich harmoniert und ihr Gewicht trägt, schmeckt sie. Ich ziehe da Parallelen zu unseren verschiedenen Abteilungen, die zusammenspielen müssen, um der Pistor-Kundschaft den besten Service zu bieten.
Wer trifft bei Ihnen die besseren Entscheidungen – Bauchgefühl oder KI?
SO: Weder noch. Das Zusammenspiel zwischen smarten Menschen und einer smarten KI ist entscheidend. Wenn man KI zielführend einsetzt, ist sie im Alltag und in der Entscheidungsvorbereitung ein sehr guter Helfer.
LP: Ich beantworte diese Frage mit einem Zitat: «Wer denken kann, dem hilft KI.»
Interview: Elina Laich + Claudia Vernocchi
Fotos: Pistor AG