In unseren Produktionsräumen ist Präzision eine Selbstverständlichkeit. Doch heute wird uns eine andere Form der Strenge auferlegt, die uns manchmal fast schon überfordert: die der Vorschriften. Zwischen der Umsetzung der ASA-Richtlinien (Beizug von Arbeitsärzten und anderen Spezialisten für Arbeits-sicherheit) und unter anderem der Verschärfung der Brandschutznormen nach der Tragödie von Crans-Montana (VS) scheint sich der regulatorische Rahmen schneller einzudicken als eine Patisseriecreme.
Niemand stellt die Sicherheit in Frage. Die Tragödie von Crans-Montana erinnert uns auf grausame Weise daran, dass es kein Nullrisiko gibt und dass der Schutz unserer Mitarbeitenden und unserer Kund/innen heilig ist.
Man muss jedoch feststellen, dass die Anhäufung von Protokollen, Checklisten und Zertifizierungen letztendlich zu einem Paradoxon führt: Weil wir ständig Kästchen ankreuzen, um «regelkonform» zu sein, vergessen wir fast, die Realität zu betrachten.
Gesunder Menschenverstand ist jene praktische Intelligenz, die es uns ermöglicht, eine Gefahr zu antizipieren, bevor sie zu einer Zeile in einem Unfallbericht wird. Es ist die Fähigkeit eines Produktionsleiters, Reflexe statt vielmehr Formulare zu vermitteln. Doch die Zunahme administrativer Auflagen birgt die Gefahr, dass der Mensch zugunsten des Prozesses entmündigt wird.
Den gesunden Menschenverstand wiederherzustellen bedeutet nicht, das Gesetz zu missachten, sondern zu verhindern, dass es zu einem Hindernis für unsere Handwerksberufe wird. Unsere Betriebe brauchen zwar Sicherheit, aber sie benötigen ebenfalls Freiraum, um das Know-how ausüben zu können, ohne von einer Bürokratie der Vorsicht erstickt zu werden.
Wie wäre es, wenn wir inmitten all dieser Vorschriften endlich wieder dem Urteilsvermögen des Handwerkers seinen Platz einräumen würden?
Gérard Fornerod
ZV-Mitglied, Vertreter der Romandie
Foto: Franzisca Ellenberger