Der Berner Bäcker-Confiseur Joël Karlen hat nach seiner Lehre an einem vierwöchigen Austauschprojekt in Ruanda teilgenommen. Wie er das Unterrichten und Improvisieren vor Ort erlebte, welche wertvollen Erfahrungen er fürs Leben mitnimmt und was ihn besonders geprägt hat, beschreibt er in seinem eindrücklichen Beitrag.
Als Gruppe von 16 Schweizer Lernenden traten wir am 15. Juli unsere Reise nach Ruanda an. Zwölf von uns stammen aus unserer Branche. Aufgrund des frühen Abfluges am Folgetag, trafen wir uns bereits am Vorabend in Zürich zu einem gemeinsamen Abendessen wie auch Übernachtung in der Nähe des Flughafens. Nach einer langen Anreise (inkl. Verspätung) konnten wir den Abend in unserem Hotel in Kigali mit einem Essen ausklingen lassen.

Nach einer kurzen Nacht begann der Folgetag mit einer Stadtrundfahrt. Nebst dem Genozidmuseum besuchten wir ein traditionelles Restaurant, eine Kooperative und eine Fussgängerzone mit verschiedenen Geschäften. Am nächsten Tag folgte eines der ersten Highlights: die Safari im Akagera-Nationalpark. Dort konnten wir vier der «Big Five» beobachten – ein unbeschreibliches Erlebnis.
So schön wie diese beiden Tage in Kigali auch waren, machten wir uns am dritten auf den Weg, um unser eigentliches Vorhaben starten zu können. So verliessen wir Kigali am frühen Morgen und kamen gegen Abend im Dorf Nyamasheke an. Somit konnte unser Praktikum beginnen.
Unsere Aufgabe bestand darin, den Unterricht zu planen und durchzuführen. Zu Beginn war dies eine grosse Herausforderung, da wir die verfügbaren Zutaten, deren Qualität und die Ausstattung der Bäckerei kaum kannten. Wir mussten deshalb vieles ausprobieren und improvisieren.

Die geschmacklichen Vorlieben
Während der vier Wochen stellten wir gemeinsam mit den Studierenden Zopf, Grittibänze, Cakes, Kleinbrote, eine Torte und vieles mehr her. Schon nach wenigen Tagen wurden die geschmacklichen Vorlieben deutlich: Brot wird beispielsweise süss statt salzig und eher weich als knusprig bevorzugt. Uns zeigte dies, wie viele unterschiedliche Brotkulturen existieren. Unsere Aufgabe bestand darin, die Schweizer mit der ruandischen Brotkultur zu verbinden.
An dieser Schule gibt es zudem eine Bäckerei. Dort arbeiten zwei Mitarbeitende in der Produktion und eine Mitarbeiterin im Verkauf. Das Sortiment ist sehr überschaubar. Sie verkaufen hauptsächlich einfache Brote, Donuts, Beignets und Muffins. Während des Praktikums entstand der Wunsch, Einrichtung und Sortiment neu zu planen.

Fünf Sorten Bananenbrot und ein Lieblingskuchen
Ein weiteres besonderes Projekt war ein Tasting im Bezirksamt von Nyamasheke. Ursprünglich waren fünf Sorten Bananenbrot und der Lieblingskuchen des Vizebürgermeisters Josef, ein Karottenkuchen, für rund 40 Personen geplant. Infolge der verspäteten Lieferung der Macadamianüsse konnten wir nur vier Sorten des Bananenbrotes herstellen. Zudem wurde die Zeit kurzfristig von 16.00 auf 12.00 Uhr vorverschoben und die Teilnehmerzahl auf 120 Personen erhöht.
Da die Bäckerei ein wichtiger Treffpunkt im Dorf ist, war es naheliegend, eine Wärmevitrine zu integrieren. Diese wurde von einem Schweizer Betrieb gespendet. So können künftig warme Snacks für unterwegs angeboten werden. Gemeinsam mit der dort ansässigen Sozialunternehmerin Jackie Helfenberger stellte ich die Bäckerei um und kam dabei mit Kunden ins Gespräch. Sie wünschten sich unter anderem Meatballs und Samosas. Ein Schweizer Kollege zeigte der Food-and-Beverage-Klasse sowie der Mitarbeiterin den Umgang mit einer Siebträgermaschine.
Damit waren Improvisation und Organisation gefragt. Nach dem Abendessen produzierte ich gemeinsam mit Aurelia Lehmann die Kuchen. Nach einer kurzen Nacht ging es bereits am nächsten Morgen mit Schneiden und Vorbereiten weiter. Die Cakes wurden zu Fuss ins Sitzungszimmer des Bezirksgebäudes gebracht. Nach kurzen Reden, unter anderem über das Schweizer Bildungssystem, fand die Degustation statt. Die Minister und Angestellten degustierten die Produkte und wählten ihre Favoriten.
Warum sollten solche Reisen Lernenden ermöglicht werden?
Neben der persönlichen Entwicklung bietet ein solcher Aufenthalt die Möglichkeit, sich in einem ungewohnten Umfeld weiterzuentwickeln. Durch Unterricht, eigene Projekte und den Kontakt mit Menschen vor Ort lernt man, selbstbewusst aufzutreten, Verantwortung zu übernehmen und Eigeninitiative zu zeigen.

In einer zunehmend globalisierten Welt ist der intensive Gebrauch der englischen Sprache ein grosser Vorteil. Beruflich ist man durch fehlende Zutaten, andere Produktqualität oder nicht vorhandenes Werkzeug gefordert, neue Wege zu suchen. Dadurch vertieft sich die Rohstoffkunde und man lernt, Zutaten zu ersetzen.
Diese Erfahrungen helfen, auch in ungeplanten Situationen, ruhiger zu reagieren und einen kühlen Kopf zu bewahren. Gleichzeitig profitieren die Lernenden vom Austausch mit Fachpersonen aus anderen Ländern und Betrieben. Techniken und Fachwissen werden geteilt und neue Ideen in die eigenen Betriebe gebracht.
Eine wertvolle Chance
Mein persönliches Fazit fällt sehr positiv aus. Neben den unzähligen schönen Momenten nehme ich die Erkenntnis mit, dass man auch unter völlig anderen Bedingungen viel erreichen kann. Die Freude und Motivation der Studierenden, Neues zu lernen, war bemerkenswert. Von ihnen nahm ich viel mit, flexibel und gelassen zu bleiben, auch wenn Zutaten verspätet eintrafen oder nicht erhältlich waren.
Die Reise hat mich fachlich und persönlich weitergebracht. Ich kehre mit vielen Erinnerungen, neuen Ideen und grossem Respekt vor den Menschen zurück, die unter weniger privilegierten Voraussetzungen mit viel Freude und Engagement ihre Arbeit machen.
Joël Karlen
Fotos: zvg
Palmares
- 15. August 2022 – 14. August 2025
Lehre Bäcker/ Konditor/ Confiseur Fachrichtung Confiserie, Lehrbetrieb Confiserie Eichenberger AG - 15. August 2025 – 14. August 2026
Lehre Bäcker/ Konditor/ Confiseur Fachrichtung Bäckerei (Zusatzlehre) , Lehrbetrieb Confiserie Eichenberger AG - Aktueller Arbeitgeber Confiserie Eichenberger AG
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