Für die ersten 600 Jahre galt: «Der Platz [der Frau] war von untergeordneter Bedeutung.» Seit 2024 sitzen sechs Frauen in der Luzerner Zunft zu Pfistern nicht nur am monatlichen Jassabend am selben Tisch. Regina Gut von Gut’s Genuss in Wolfenschiessen (NW) ist eine der ersten, die aufgenommen wurde.
Heute fällt Regina Gut auf: Sie trägt eine weisse Bäckerbluse mit gesticktem Signet auf der linken Brust. Gemeinsam mit Esther Rohr, Christa Jossi und Paul Odermatt sitzt sie am Tisch und jasst. Daneben tun es ihnen Alois Meile, Rolf Mutter, Albert Reinhard-Wollenmann und Franz Bernet gleich, Annemarie Stocker schaut zu. Eigentlich keine aussergewöhnliche Szene für das Restaurant zu Pfistern in Luzern, wenn die Zunft der Bäcker/innen zum Jassabend einlädt. Trotzdem ist es ein starkes Signal: Denn nach 600 Jahren wurden 2024 erstmals sechs Frauen in die Zunft zu Pfistern aufgenommen. Regina Gut, Esther Rohr und Annemarie Stocker sind deren drei.
Ein erster Anlauf 1991
Die Altherrenrunde ist in ihr Spiel versunken. Sie werfen die Karten in schneller Abfolge auf den Teppich und sprechen nur zwischen den Runden ein paar Worte. Nebenan wird gelacht, gescherzt, der Jass vorsichtig kommentiert. Paul Odermatt und Regina Gut gewinnen die erste Partie. Während Paul Odermatt seit über 35 Jahren Zünftler ist, gehört Regina Gut zu den neueren Mitgliedern. «Der Platz [der Frau] war untergeordneter Bedeutung», steht in der Ausgabe von 2009 des Luzerner Pfisternbuchs geschrieben. «Anders als in den alten Zunftstädten, schienen die Zünfte in Luzern die Frauen weder im Handwerk noch in der Zunft zugelassen zu haben.»
Dieser Umstand wurde 1991 erstmals hinterfragt, wie Ehrenzunftmeister Alois Meile weiss: «Es gab eine inoffizielle Abstimmung», erinnert er sich zwischen zwei Runden. «Der Antrag wurde abgelehnt – es gab einige traditionelle Stimmen, die an der alten Regelung festhielten.» Dass sich die Gesellschaft dennoch an den Zeitgeist anpassen musste, war nicht nur ideologischer Natur: «Heute wird der Beruf der Bäcker von den Frauen dominiert», sagt Regina Gut. «An den SwissSkills und WorldSkills sind höchstens ein bis zwei Männer dabei.» 2023 stimmte die Zunft zu Pfistern an ihrer Hauptversammlung, dem Bot, erneut darüber ab, ob zukünftig Frauen aufgenommen werden sollen – diesmal wurde der Antrag klar angenommen.
Die ersten Zunftfrauen

Der Aufbruch scheint der Zunft zu bekommen: Der Anlass ist gemütlich, die Gruppe gut gelaunt. Saloppe Kommentare und gegenseitiges Necken führen zu einer munteren Stimmung. Der Verdacht, die Frauen müssten um ihre Anerkennung kämpfen, kommt nicht auf. «Wir fühlen uns wohl, auch wenn die Zunft lange eine Männersache war», meint Regina Gut. Vielleicht haben die Erzählungen aus dem Arbeitsalltag von ihr und Esther Rohr aber an diesem Abend einen etwas höheren Stellenwert als sonst: Die meisten Anwesenden sind pensioniert.
Um die Branche verdient gemacht
Die Zunft zu Pfistern ist die letzte Berufszunft in der Stadt Luzern. «Zünftler kann nur werden, wer Bäcker gelernt hat oder sich um die Branche verdient gemacht hat», erklärt Regina Gut, nachdem Paul Odermatt und sie das zweite Spiel ebenfalls für sich entschieden haben. Auch die Aufnahme der Zünftlerinnen sei Anhand dieses Kriteriums entschieden worden. Regina Gut ist gelernte Bäckerin-Konditorin und führt die Bäckerei-Confiserie Gut’s Genuss in Wolfenschiessen (NW). Zudem ist sie Präsidentin der Ob- und Nidwaldner Bäcker-Confiseure und engagierte sich für den Aufbau der Kornmühle Sachseln (OW). Esther Rohr ist ebenfalls Bäckerin-Konditorin, betreibt eine eigenen Auftragskonditorei und ist Produktionsleiterin der Confiserie Bebié in Luzern. Annemarie Stocker wurde 1977 damit aufgetragen, das Zunft-Sekretariat aufzubauen und zu verwalten. In diesem Amt prägte sie die Zunft zu Pfistern 40 Jahre mit, ihre Verdienste wurden mit den eigens geschaffenen Titel Ehren-Zunftfee gewürdigt.
Die Holzwände im Restaurant zu Pfistern sind mit Familienwappen dekoriert, die sich in Reihen um den ganzen Raum verteilen. Dabei handelt es sich um jene der Zunftmitglieder und Genossenschafter des Zunftrestaurants. «Das von Papi hängt dort drüben», sagt Esther Rohr, die mit Christa Jossi das dritte Spiel für sich entschieden hat. Auf die Frage, wo denn ihre seien, gestehen Esther Rohr und Regina Gut, dass sie noch gar keine hätten. Ehren-Zunftfee Annemarie Stocker erklärt ihren Freundinnen, wer die Familienwappen verwaltet.
Das neuste Kapitel
Die wichtigsten Berufsgruppen einer Stadt hatten circa ab dem 13. Jahrhundert eine eigene oder eine gemeinsame Zunft. Lange verantworteten diese auf kommunaler und regionaler Ebene die Regeln in ihren Handwerksberufen. Daneben umfasste das Zunftwesen ebenso gesellige, religiöse und teils politische Aufgaben.
«Heute steht vor allem das Gesellige im Vordergrund», sagt Alois Meile. Die Zünfte hätten gegen Ende des 18. Jahrhunderts an Relevanz verloren. Die Zunft zu Pfistern wurde 1829 in eine Gesellschaft ohne wirtschaftliche und politische Bedeutung umgewandelt und 1875 gar ganz aufgelöst. «Nach 110 Jahren wurde 1984 die Zunft wieder gegründet», erklärt der Ehrenzunftmeister. Seither sind drei Zunftbücher erschienen, in denen die Historie sowie die Ereignisse seit der Neugründung niedergeschrieben sind. Im 2024 erschienenen Exemplar sind die neusten Bilder einem wegweisenden Novum gewidmet: Sie zeigen sechs auffällig gekleidete Frauen. Ganz in Weiss. Mit gestickten Signeten auf der linken Brust.
Diego Schwerzmann
Zur Fotogalerie vom Jassabend…»
Mehr über die Zunft zu Pfistern…»