In diesem swissbaker-blog richtet sich Philippe Ligron an Alexandre Balthazar Laurent Grimod de La Reynière, einen französischen Gastronomen, Restaurantkritiker und Schriftsteller. Geboren 1758 und gestorben 1837, wird er oft als einer der ersten angesehen, welche der Gastrokritik in Frankreich eine feste Form und Struktur verliehen haben. Bekannt ist er vor allem für sein Werk «Almanach des gourmands», das als Vorläufer heutiger Gastronomieführer betrachtet wird.

Lieber Alexandre Balthazar Laurent Grimod

Ich erlaube mir, Ihnen diesen Brief zu schreiben, da ich leider nicht mehr das Vergnügen habe, beim Durchstöbern meiner alten Kochbücher zufällig auf Neuigkeiten von Ihnen zu stossen.
Infolge einer durch eine Pandemie bedingten Ausgangssperre haben sich die Menschen wieder vermehrt mit ihrer Ernährung beschäftigt. Wenn Sie das gesehen hätten: eine regelrechte, fast schon hysterische Begeisterung, dass jeder sein eigenes Brot oder Gebäck backt, mit einer Vielzahl an Fotos, von denen eines schöner ist als das andere: Es war magisch!

Ja, ich weiss, dass es Ihnen seltsam vorkommen muss, aber heutzutage ist Brot ganz anders als zu Ihrer Zeit. Wussten Sie, dass das Brot in der Regel mit Backpulver und Weizen hergestellt wird, der kaum höher ist als die Wiese selbst? Es stimmt, dass heute alles eine Frage des Aussehens mit dem tiefsitzenden Wunsch ist, ein Brot mit luftiger Krume und knuspriger Kruste wie eine Salzkruste direkt aus dem Ofen zu essen! Ist das gut? Ehrlich gesagt, weiss ich nicht viel darüber. Denn dieses Produkt, das nach 24 Stunden pickelhart ist, sagt mir nichts und vor allem frage mich, ob es gesund ist. Mir ist darüber wenig bekannt, aber meine Beobachtungen lassen mich jedenfalls nachdenklich werden, da immer mehr Menschen unter Unverträglichkeiten leiden …

Apropos Intoleranzen, weisst du, lieber Alexandre, dass sich unsere Sitten seit deinem Rocher de Cancale stark verändert haben? Heute ähneln Reservierungen in unseren Restaurants eher ärztlichen Verordnungen als den Extravaganzen deiner Zeitgenossen! Es gefällt mir, an Ihre Zeitgenossen und ihr Erstaunen zu denken, als sie dieses Grabmahl entdeckten, das Sie für sie zubereitet hatten. Mit einem Sarg in der Mitte des Tisches, der mit einer Darstellung des Körpers Ihres Vaters aus Marzipan gefüllt war und auf dem die ödipale Anweisung stand: «Iss den Körper deines Vaters», eines Notablen und Generalpächters! Was für eine Kühnheit, die uns heutzutage sicherlich den Zorn unserer selbstgerechten Gesellschaft der Heuchelei und des falschen Wohlwollens einbringen würde …

Angesichts dieser traurigen Feststellung bewundere ich Sie, dass Sie mit allem gespielt haben, sogar mit dem Tod, indem Sie am 7. Juli 1812 Ihren Tod bekannt gaben und alle Anwesenden zu einem riesigen Festmahl einluden, das Lucullus vor Neid erblassen liess! Bravo und danke, lieber Meister, dass Sie die gastronomische Geschichte der Menschheit mit Wahnsinn erfüllt haben. Bis bald, Ecrevisse!

Philippe Ligron


Der leidenschaftliche Koch Philippe Ligron ist diplomierter Berufslehrer und Chronist bei Couleur3. Er tritt auch in der Ein-Mann-Show «Bon appétit..» sowie zusammen mit Nathalie Devanthay in «C’est moi le chef, non c’est moi» auf.

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